23/12/2025
„Die Arbeitsstelle, in der alles möglich war – außer Normalität“
Es gibt Arbeitsstellen, über die spricht man nicht gern.
Und dann gibt es jene, über die man unbedingt schreiben muss, weil sie sonst irgendwann wie ein Fiebertraum wirken würden.
Diese Stelle war so ein Ort.
Ein Arbeitsplatz das offiziell sauber, strukturiert und wissenschaftlich korrekt sein sollte.
Inoffiziell war es eine Mischung aus Chaos, menschlichem Improvisationstalent und der leisen Frage: Wie läuft dieser Laden eigentlich noch?
Die Chefs zum Beispiel.
Menschen mit Titeln, großen Worten und dem festen Glauben, alles im Griff zu haben.
Sie erklärten viel, entschieden schnell – und hinterließen dabei eine Spur aus offenen Fragen, widersprüchlichen Anweisungen und dem Gefühl, dass wir unten irgendwie die Statik dieses Gebäudes waren.
Wir, die wussten, wo was stand.
Wir, die Dinge retteten, bevor sie auffielen.
Wir, die oft dachten: Wenn wir heute einfach alle gleichzeitig krank wären, würde hier nichts mehr funktionieren.
Dann die Kollegen.
Ein Biotop für sich.
Große Klappe, wenig Substanz.
Viel Gerede, noch mehr Taktik.
Manche hatten weniger Ahnung als Selbstvertrauen – eine Kombination, die in der Arbeit besonders spannend ist.
Es wurde gegeneinander gearbeitet, sich gegenseitig schlechtgeredet, Informationen zurückgehalten.
Und trotzdem: Man saß jeden Tag wieder nebeneinander, als wäre nichts gewesen.
Einer war plötzlich weg.
Nicht gekündigt. Nicht krank.
Einfach verschwunden.
Später hörte man, er sei irgendwo besoffen eingeschlafen, auf dem Boden, mitten im Nichts.
Kein Witz.
Ein Mensch, der morgens hätte arbeiten sollen und stattdessen irgendwo lag und schlief.
Die Arbeit lief weiter. Natürlich.
Dann gab es die Zwillingsseelen der besonderen Art.
Nächtliche Mittagspausen.
Zweisamkeit statt Zeiterfassung.
Ein kleines Schäferstündchen, während offiziell gearbeitet wurde.
Gestempelt wurde nicht – aber Gefühle kennen ja keine Stechuhr.
Andere kamen betrunken.
Andere kamen gar nicht.
Andere kamen, stempelten für jemand anderen ein und fuhren wieder nach Hause – schlafen.
Und wir?
Wir standen dazwischen.
Hielten Proben am Leben, Abläufe zusammen, den Laden irgendwie offen.
Wir improvisierten, halfen uns gegenseitig, lachten manchmal aus purer Überforderung.
Und genau dort, mitten in diesem Irrsinn, entstanden Freundschaften.
Echte.
Nicht diese „Wir gehen mal einen Kaffee trinken“-Dinger, sondern jene, die entstehen, wenn man gemeinsam den Kopf über Wasser hält.
Wenn man sich wortlos ansieht und weiß: Ja. Ich weiß. Ich hab’s auch gesehen.
Es war die verrückteste Arbeitszeit meines Lebens.
Nichts war planbar.
Alles war möglich.
Und rückblickend frage ich mich manchmal, wie wir das ausgehalten haben – und gleichzeitig, warum ich heute noch darüber lächle.
Vielleicht, weil es ein Ort war, an dem alles schief lief, aber wir einander hatten.
Vielleicht, weil Chaos zusammenschweißt.
Oder vielleicht, weil manche Kapitel erst Jahre später zeigen, was sie wirklich waren:
Nicht nur anstrengend.
Sondern prägend.
Und manchmal, wenn heute irgendwo etwas nicht rundläuft, denke ich zurück an diese Arbeitsstelle
und weiß:
Schlimmer geht immer.
Und irgendwie geht’s immer weiter.