18/09/2017
Liebe Freunde: Lange ist es her aber ich hab wieder was!!
022: Die Ruhe der Toten
Sonntag: Heute ist einer der schönsten Tage des Jahres. Ich denke kaum an die mühselige Arbeit. Keiner meiner Mitarbeiter hat sich krank gemeldet. (Das ist Sonntags übrigens noch nie der Fall gewesen.) Ideale 27°C. Die Hühner sind versorgt, der Rasen schon seit gestern von meiner Frau gemäht. Ich entspanne auf unserer neuesten Errungenschaft, einer Rattansitzliegewelt aus der echten Bio-Rattanpflanze. Genau meine Länge. Ich liege im Schatten und nur meine Füße werden von der Sonne geküsst. Die Katze liegt neben an und verschläft eines ihrer sieben Leben. Vogelgezwitscher, Grillen zirpen und ein steter Windhauch verschafft die rechte Abkühlung. Einzig Froni hämmert wieder mit über hundert Sachen auf der Strasse vorbei. Sie fährt in ihrer Freizeit den Notarztwagen. Die Sirene ist reichlich laut. Entweder Einsatz oder das Essen wird kalt.
Ich habe mich entschieden! Hier könnt ihr mich beerdigen. Ich kenne da ja den ein oder anderen Bestattungsunternehmer, die kriegen das schon hin. Ich brauche nur dieses Stückchen Land.
Irgend ein Wikinger hatte mal von irgend einem König Land eingefordert. Der gab ihm das Stückchen Land, dass seiner Größe entsprach. Der Wikinger wurde erschlagen und beerdigt. Welch trister Gedanke. Bestes Wetter und ich denke an den Friedhof. Der Friedhof ist eigentlich ein gutes Stichwort.
Wir schreiben das Jahr neunzehnhundertsiebenundachtzig. (Ausgeschrieben sind das einunddreißig Buchstaben!) Ich bin acht Jahre alt. Mein neunter Geburtstag steht erst noch vor der Türe. Mein Opa hatte vor kurzer Zeit ein neues Gemüsebeet angelegt. Also war es für meine Oma an der Zeit den Salat zu pflanzen. Voll Vorfreude auf die zu erwartende Ernte wurde eine Pflanze nach der anderen in Reih und Glied gesteckt. Nach einer Weile durchschnitt die scharfe Stimme meiner Großmutter die ländliche Gelassenheit. Die Ausführung der imperialen Anrufung ihres Gatten verbittet nun die Anrede Oma. "Willi!" schrie sie, denn so war sein Name. Diese Silbe wurde in der ganzen Nachbarschaft vernommen. Das geschah übrigens öfters, denn mein Opa war ein Schlingel. Ein Gewittersturm an Verwünschungen und Beschimpfungen folgten dem Ruf. Ein Kanon absolut ernst zu nehmender Drohungen die hier nicht weiter erläutert werden sollen.
Als sich nun alle in Hörweite Anwesenden, von Neugierde getrieben, am Hof der Großeltern eingefunden hatten, fand man Oma im neuen Gemüsebeet. Die Hände zornig in die Seiten gestemmt und sichtlich wütend. Opa schob lediglich die leere Schubkarre von Dannen und grinste über das ganze Gesicht. Dieses tat er nur bei gelungenen Scherzen oder äußerst gelungenen Geschäften. Einer Mischung aus beidem entsprach der Grund der Oma zur Weißglut brachte.
Mein Opa war als Jäger und Sammler bekannt. Vornehmlich handelte es sich um Dinge die anderen zur Last fielen. Als tüchtiger Geschäftsmann verstand er es natürlich derlei Hab und Gut gegen eine geringe Entschädigung seines Aufwandes zu entsorgen und somit seine Geldbörse und sein Warenlager zu füllen. Man könnte meinen er hätte alte Erde abgeholt und dem selben Landwirt seine eigene Erde, frisch gesiebt wieder verkauft. Ehrenwerte Bauernschläue eben. Auch wussten einige noch nicht, dass sie von manchem Tant überdrüssig seien, wurden durch meinen Opa jedoch darauf hingewiesen und von der Last befreit. Am Ende des Tages waren alle recht zufrieden.
So kam es, dass er einen Freund ansprach, wie es sich mit einem Haufen Erde verhielte. Unschön sehe es aus und hinderlich sei er doch, da wo er lag. Da er eben solch einen Haufen aus Erde zu gebrauchen wüsste, könne er ihn ohne weitere Gebühr übernehmen und nach hause verbringen. Da der Freund die Erde zwar nicht sein Eigen nannte, jedoch für die Entsorgung selbiger zuständig war, schlug er gleich in das Geschäft ein und war froh sich viel Arbeit erspart zu haben. Das Geschäft wurde mit einem kräftigen Handschlag besiegelt. Dennoch wunderte er sich. Was mochte Willi wohl mit diesem besonderen Erdhaufen vorhaben? Mein Opa war recht pragmatisch und wurde weder von Pietät noch der gleichen geplagt. Also verbrachte er den Haufen aus tiefschwarzer Erde direkt nach hause und eröffnete ein neues Gemüsebeet.
Als sich nun meine Oma, bewaffnet mit Harke und Schaufel, daran machte das Gemüse zu setzen, fand sie eine Reihe heller Steine. Unachtsam warf sie diese zum Beetrand zusammen. Von Art und Farbe glichen diese Steine zwar dem Kalk, doch als Oma den Beifang entsorgen wollte, überkam sie eine grausige Gewissheit. "Willi!" rief sie, "wo ist die Erde her?" Das verschmitzte Grinsen meines Opas genügte ihr als Erklärung, denn sie wusste, dass der örtliche Friedhof einige alte Gräber neu ausgehoben hatte. Die Gemüseernte war übrigens eine der besten aller Zeiten!
Als ich so vor mich hinsinniere, sehe ich Fred, einen guten Freund des Hauses kommen. Ich habe mich entschieden mich einäschern zu lassen. Zum einen möchte ich dem einen den Schrecken fahler und bleicher Gebeine oder gar eines ganzen Kiefers im Gemüsebeet ersparen, zum anderen möchte ich den Hinterbliebenen nicht als zu wässernde Grundstücksfläche dienen, für die dann auch noch Gebühren fällig sind. Einäschern und wie bei The Big Lebowski verstreuen - fertig. (Vorher Organe spenden - wichtig!)
Fred machte sich vor etwas mehr als zwei Stunden auf um eben dieses zu tun. Nicht die Organe zu spenden sondern Gräber gießen. Als ich mich zu meiner letzten Ruhestätte, der Bio-Rattansitzliegewelt aufgemacht hatte, sind wir uns über den Weg gelaufen. Er habe wichtiges vor. Zu den Hienieden wolle er, zu den Ahnen, den Vorvätern, die Altvorderen ehren. Hin zum Friedensacker um das einzig rechte Tagwerk des Sonntags zu vollbringen. Die Gräber zu richten und zu gießen. So schritt er dahin. Andächtig und würdevoll. Da er seit vielen Jahren aus allen Kirchen der Menschheit ausgetreten war - durchaus eine respektvolle Eigenschaft.
Also kam er nun zurück. Und auf dem letzten Feld der Ruhe sowie auf dem Weg nach hause fällt kein Schatten. Ich hatte demnach Mühe seine Stirn, die seit langer Zeit unter fehlendem Haarwuchs litt, von unserer gläsernen, scharlachroten Rosenkugel zu unterscheiden. Ermattet setzte er sich zu mir in die Bio-Rattansitzliegewelt.
"Und, ruhig am Friedhof?" frage ich. Er schüttelt verwirrt den Kopf. Guter Dinge sei er noch aufgebrochen. Nichts ahnend und ehrenwert war sein Bestreben. Kein schöner Ding als seines Vaters letzte Ruhestatt zu pflegen. Anders als den jüngsten Tratsch der Friedhofsweiber zu hören. Könnten seines Vaters Augen sehen, dass er sich kümmert um sein Verbleibt. Schmerzlich war doch sein Verscheiden. So gibt er redlich einen stärkenden Trunk dem Gezier auf seinem kalten Bette. Und immerdar pflegt er doch den Saum der letzten Kammer. Kein ungewollt Grün soll kommen denn der prächt'gen Zierde die er gepflanzt.
Und so kam es, dass er zupft an Löwenzahn und Ackerwinde, an junger Vogelmiere und Purpurklee. Und er kniete nieder und machte die Erde gleich. Umringt ward er von den Friedhofsweibern und hörte deren lautes Getratsch. Dann gab er der Erde Wasser und freute sich über seiner Hände Arbeit. Doch als er die leere Wasserkanne wieder an den rechten Platze gab und als er selbst den letzten Blick zu seines Vaters Grab werfen wollt, da stand eine Blume nicht recht. Schräg lag sie in ihrem Beete. "Recht unrecht!" sagte er. Da begab er sich wieder auf die Knie und die Friedhofsweiber blickten zu ihm hin. Und als er eine Kuhle aushob, um die Blume zu richten, da regte sich etwas vor ihm im Boden. Die Friedhofsweiber verstummten als sich die Erde hob. Und als sich ein Hügel aufwarf da setzte er sich auf den Hosenboden. Pulsierend warf sich ein zweiter Hügel auf, ganz so als ob die Hände herauf wollten. Sodann flohen die Friedhofsweiber. Außer Stande sich zu rühren saß Fred vor seines Vaters Grab. Vor ihm die Erde die sich rührte. "Bleib drin!" rief er - da war Ruhe.
Als er den Spaten zu sich nahm hob die Erde sich aber erneut und brach auf. Gestört vom geschäftigen Treiben da oben und vom Wasser erregt trat er wieder unter das Antlitz der Sonne um zu sehen wer die dunkle Ruhe stören will.
Wir alle kennen ihn und ein jeder mag sich glücklich schätzen, der ihn nicht beheimatet.
Sein Name ist Talpa europaea - der europäische Maulwurf.
Nach dieser ausführlichen Schilderung konnte die reichliche Zugabe von Alkohol Freds Gemüht beruhigen und es wurde noch ein schöner Abend.