07/09/2026
Raumakte Nr. 6
MOTORRAD, ROUTE 66 UND FENG SHUI.
Als Anna auf den Hof fuhr, dachte sie zuerst, sie sei falsch. Vor ihr stand eine lange dunkle Halle aus Metall. Große Tore, Maschinen, Spezialanhänger in verschiedenen Baustufen. Eindeutig Betrieb. Micha hatte sie gerufen, weil sie beim Nachbarn gearbeitet hatte und er mitbekommen hatte, wie zufrieden die dort mit ihrer Arbeit waren. „Ich will das bei mir jetzt auch einmal richtig machen“, hatte er am Telefon gesagt.
Micha kam ihr entgegen. Fünfzig, längere Haare, tätowierte Arme, Jeans, schwarzes T-Shirt. „Du warst doch bei meinem Nachbarn.“ „Ja.“ „Die sind ziemlich begeistert.“ Er grinste. „Deswegen bist Du jetzt hier.“
Er führte sie durch die Halle, vorbei an alten Maschinen, Werkbänken und halbfertigen Anhängern. Sein Büro lag ebenfalls hier. An einer Tür blieb Micha stehen. „Da geht’s direkt zu mir.“ „Zu Dir heißt?“ „Nach Hause.“ Zwei Schritte später stand Anna in seinem privaten Bereich. Zusätzlich gab es eine eigene Haustür von außen. Eben noch Metallbau, dann Wohnzimmer.
Auf rund fünfzig Quadratmetern lagen Küche, Wohnen, Schlafen und Bad dicht beieinander. Schwarz, Rot, dunkles Holz, Motorräder, Route 66 und Erinnerungsstücke bestimmten die Räume. Nichts davon wirkte wie gekaufte Biker-Dekoration. An den Dingen hingen Geschichten. Anna blieb vor einem bemalten Motorradtank stehen. „Der bleibt“, sagte Micha sofort. „Ich habe noch gar nichts gesagt.“ „Aber gedacht.“ „Ich habe gedacht, dass der ziemlich viel Platz braucht.“ „Der bleibt.“ Anna sah ihn an. „Micha, ich bin seit ungefähr sieben Minuten hier.“ „Dann sind wir uns ja früh einig.“
Im Schlafzimmer wurde es noch dichter: viel Rot und Schwarz, große Flaggen über dem Bett, Muster und Bilder. Im Bad stand neben Dusche, WC und Waschbecken eine Hantelbank. „Trainierst Du im Bad?“ „Wo sonst?“ „Mir würden spontan ein paar Alternativen einfallen.“ „Deswegen hab ich Dich doch geholt.“ Er wollte Veränderung, nur kein Zuhause, das anschließend nichts mehr mit ihm zu tun hatte. „Ich will’s angenehmer. Aber nicht beige, hellgrau und drei Kissen auf dem Sofa.“ Anna musste lachen. „Keine Sorge. Du bleibst schon Du.“
Draußen wirkte seine Haustür in der dunklen Metallfassade fast wie ein weiterer Betriebszugang. Daneben ein kleines Gartenstück mit Tisch, zwei Stühlen, Wildwuchs und wenigen Metern bis zum Zaun. „Dein Garten?“ „So ungefähr.“ Anna sah sich um. „Sehr ungefähr.“ „Ich hab nie behauptet, dass ich Gärtner bin.“
Der eigentliche Grund für ihren Besuch lag über ihnen. Micha hatte aufgestockt. Oben war noch Baustelle, aber zum ersten Mal gab es Platz. „Hier soll mein Schlafzimmer hin. Da hinten die Ankleide.“ Anna blieb stehen. „Eine Ankleide?“ „Sag jetzt nichts.“ „Ich wollte nur sagen, dass ich beeindruckt bin.“ „Ja, ja.“ Sie ging weiter. „Und das Bad?“ „Bleibt unten.“ „Warum?“ „Ist doch eins da.“ Anna antwortete nicht. Sie trat an die offene Seite und sah auf das flache Dach der Werkstatt. „Wem gehört die Fläche?“ „Mir.“ „Sehr gut.“ „Warum?“
Anna zeigte hinaus. „Weil Du da eine Terrasse hinbekommst.“ Micha sah auf das Dach. „Das wäre schon ziemlich geil.“ „Dachte ich mir.“ „Jetzt wird’s teuer mit Dir.“ „Wir sind noch nicht bei der Küche.“
Am Abend lagen Michas Grundrisse, Notizen und viele Fotos auf Annas Tisch. Rot, Schwarz und die Erinnerungsstücke sprangen ihr zuerst ins Auge. Aber je länger sie alles nebeneinanderlegte, desto weniger hielt sie das für das eigentliche Problem.
Sie blieb bei zwei Bildern hängen. Auf dem einen die Tür aus der Werkstatt direkt ins Wohnen, auf dem anderen die Haustür, die kaum als privater Eingang erkennbar war. Dazu vier Funktionen auf fünfzig Quadratmetern und eine neue Etage, die bisher nur als größeres Schlafzimmer gedacht war.
Da war die Spur.
Micha brauchte keinen anderen Stil. Ihm fehlten Übergänge: zwischen Arbeit und Privat, draußen und drinnen, aktivem Alltag und Rückzug. Wenn sie die Aufstockung nur mit Bett und Schrank füllten, würden sie viel bauen und das eigentliche Problem mit nach oben nehmen.
Ein paar Tage später saßen Anna und Micha am alten Tisch in seinem kleinen Gartenstück, wenige Meter vor dem Zaun, mit Blick auf die Baustelle. Anna legte Grundrisse, Scribbles und das iPad auf den Tisch. Micha stellte zwei Bierflaschen dazu. „Ist das Teil der Besprechung?“ „Bei mir schon.“ Anna nahm eine. Es sollte das einzige Mal bleiben, dass sie bei einer Auswertung sofort ein Bier serviert bekam. „Gut. Dann schieß ich mal los.“
„Unten bleibt Dein aktives Leben. Küche, Wohnen, WC und Training. Oben entstehen Schlafzimmer, Ankleide und Bad.“ Micha hob den Kopf. „Bad auch?“ „Natürlich.“ „Unten ist doch eins.“ „Unten ist ein Bad, in dem Deine Hantelbank steht.“ „Die stört mich nicht.“ „Mich schon.“ Er lachte. „Wenn Du oben schon neu baust, gehst Du zum Duschen nicht wieder nach unten. Die Dusche unten kommt raus, das WC bleibt abgetrennt und der Rest wird Dein Trainingsbereich.“ Micha sah auf den Grundriss. „Das ist eigentlich ziemlich gut.“ „Ich weiß.“ „Bescheiden bist Du auch.“ „Sehr.“
Anna schob ihm das Scribble vom Eingang hin: klarer Vorplatz, großes Vordach, Holz als warmer Gegenpol zur Metallfassade, robuste Pflanzen und gutes Licht. „Die Halle darf aussehen wie Halle. Aber Deine Haustür muss nicht aussehen wie Tor Nummer vier.“ Direkt dahinter plante sie eine Garderobe. „Jacke, Schuhe, Schlüssel. Im Moment bist Du beim Reinkommen sofort mitten im Wohnen.“ Micha nickte. „Okay. Das leuchtet mir ein.“
Bei der Küche ging es schneller. Eine großzügige Küche mit Theke und Barhockern ersetzte ein Esszimmer. Daneben eine Couch, in die man sich wirklich fallen lassen konnte. „Fernsehen?“ „Sogar das.“ Dazu Arbeitslicht in der Küche, Licht an der Theke, indirekte Beleuchtung im Wohnbereich, Stufenlicht an der Treppe sowie warmes Licht am Eingang und auf der Terrasse.
Dann öffnete Anna auf dem iPad das Foto vom Tank. „Der bleibt“, sagte Micha. „Du bist erstaunlich berechenbar.“ „Gut.“ „Er bleibt aber nicht da.“ „Wo dann?“ „In der Werkstatt. Nicht irgendwo abgestellt. Drei oder vier besondere Stücke bekommen dort eine kleine Ausstellung: der Tank, etwas von der Route 66, vielleicht ein Foto aus Deiner früheren Rockerzeit.“ Micha sah länger auf das Bild. Dann erzählte er von Touren, der Route 66, seiner Rockergruppe und den Menschen, die mit diesen Dingen verbunden waren.
Anna hörte zu. Jetzt wusste sie auch, welche Stücke bleiben mussten.
Es ging nicht darum, Michas Vergangenheit wegzuräumen. Aber sie musste nicht mehr in jedem Raum gleichzeitig stehen.
Einige Erinnerungen blieben im Wohnbereich, die großen Stücke bekamen in der Werkstatt mehr Wirkung.
„Und die Farben?“ „Schwarz bleibt.“ Micha grinste. „Sehr gut.“ „Rot nicht.“ Das Grinsen verschwand. „Gar nicht?“ „Keine roten Wände mehr. Gerade oben nicht.“ „Warum?“ Anna zeigte auf das Schlafzimmerfoto. „Rot ist sehr aktiv, und davon hast Du hier reichlich. Für einen Schlafraum ist mir das sowieso zu viel. Bei Dir kommt noch etwas dazu. Dein Trigramm-Element ist Holz. Schwarz gehört zum Wasser und Wasser unterstützt Holz. Rot gehört zum Feuer. Zu viel davon zieht Dir eher Energie ab, statt Dich zu unterstützen.“ „Und Schwarz darf deshalb bleiben?“ „Ja. Aber gezielt. Dazu ruhige warme Erdfarb-Töne, Leder und Stoffe.“
Oben und unten plante Anna denselben markanten Holzboden, die Treppe passend dazu und einzelne Schiebetüren aus Altholz. „Die Türen sind geil.“ „Zwei vielleicht.“ „Warum nur zwei?“ „Weil Du sonst am Ende in einer Biker-Kneipe wohnst.“ Micha lachte. „Okay. Zwei.“ Dann sah er hinauf zur Baustelle. „Und die Terrasse?“ „Machen wir.“
Als Anna einige Zeit später wiederkam, sah sie den Unterschied schon vor der Haustür. Die Metallfassade war dieselbe, doch Vorplatz, Vordach, Pflanzen und warmes Licht machten klar, wo der Betrieb aufhörte, und sein Zuhause begann. Drinnen verschwanden Jacken und Schuhe in der Garderobe. Die Küche mit Theke war zum Mittelpunkt geworden, daneben die große Couch. Im ehemaligen Bad war die Dusche verschwunden, das WC abgetrennt und für die Trainingsgeräte endlich Platz.
In der Werkstatt zeigte Micha ihr den neuen Schrank mit den Glastüren. Der bemalte Tank stand darin, dazu einige wenige Erinnerungsstücke. „Sieht besser aus als vorher“, sagte er. Anna sah ihn an. „Das halte ich fest.“
Oben war es ruhiger, ohne beliebig zu wirken. Schwarz und Anthrazit waren geblieben, die roten Wände verschwunden. Schlafzimmer, Ankleide und Bad bildeten einen eigenen privaten Bereich. Durch die ging es auf die Terrasse über dem Werkstattdach.
Micha blieb in der Ankleide stehen. „Übrigens“, sagte er, „das Ding ist ziemlich praktisch.“
Anna grinste. „Sag ich nicht weiter.“
Micha war nicht weniger Micha geworden. Motorräder, Route 66 und Schwarz waren noch da. Aber sein Zuhause musste nicht mehr gleichzeitig Werkstatt, Erinnerungsraum, Fitnessbereich und Schlafzimmer sein.
Zum ersten Mal hatte die Werkstatt ihren Platz.
Und Micha auch.
DIE RAUMAKTE IN KÜRZE
Problem: Michas Privatleben spielte sich auf rund 50 m² direkt neben seiner Werkstatt ab. Wohnen, Schlafen, Bad, Training und Erinnerungsstücke lagen dicht beieinander.
Auffällig: Arbeit und Privatleben gingen fast ohne Übergang ineinander über. Dazu kamen viel Schwarz und sehr große rote Flächen, besonders im Schlafzimmer. Das Schwarz passte zu Micha und konnte bleiben, dass viele Rot brachte dagegen zu viel Aktivität in die Räume und war auch aus seiner persönlichen Feng-Shui-Auswertung nicht die beste Wahl.
Lösung: Im Obergeschoss entstand ein privater Bereich mit Schlafzimmer, Ankleide, Bad und Terrasse. Unten blieben Küche mit Theke, Wohnen, WC und Training. Der Eingang bekam einen klaren Vorplatz, Garderobe und gezielte Beleuchtung. Rot wurde deutlich reduziert, Schwarz bewusst erhalten und mit ruhigeren Farben und Materialien kombiniert. Besondere Erinnerungsstücke bekamen in der Werkstatt ihre eigene kleine Ausstellung.
Ergebnis: Micha wohnt weiterhin unverkennbar wie Micha. Nur ruhiger, klarer gegliedert und mit einer deutlichen Trennung zwischen Betrieb und Zuhause.